Vierter Kreis· Ich verstehe

Die Sprache der Formen

Der Torus Als das Leben seine Geometrie zu offenbaren begann

Lange Zeit hatte ich gespürt, dass all die Erfahrungen auf meinem Weg miteinander verbunden waren.

Obwohl sie aus unterschiedlichen Richtungen kamen, gab es etwas, das sie verband. Eine gleiche Essenz. Eine gleiche Bewegung.

Doch es fehlte noch eine Sprache, die das ausdrücken konnte, was ich wahrnahm.

Diese Sprache fand mich durch die Heilige Geometrie.

Als ich diesen Weg betrat, hatte ich nicht das Gefühl, etwas völlig Neues zu beginnen.

Vielmehr war da das Gefühl, ein Teil zu finden, auf das ich schon lange gewartet hatte.

Es war wie das Wiedererkennen von etwas Vertrautem, auch wenn ich es nie zuvor studiert hatte.

Die Heilige Geometrie zeigte mir, dass Formen nicht bloß Zeichnungen sind.

Jede Form birgt eine Information in sich. Eine Bewegung. Eine Art, die Beziehung zwischen dem Menschen, der Natur und dem Universum zu verstehen.

Als ich zu zeichnen begann, wurde etwas in mir still.

Der Zirkel, das Lineal, die Linien und die Kreise luden mich ein, in einen anderen Zustand des Gegenwärtigseins einzutreten.

Es ging nicht mehr nur darum, eine Figur zu erschaffen. Es war das Begleiten eines Prozesses.

Jeder Strich verlangte Aufmerksamkeit. Jeder Punkt hatte seinen Grund. Jedes Maß war Teil einer Ordnung.

Und nach und nach verstand ich, dass der Akt des Zeichnens auch eine Form der Meditation war.

Die Geometrie befand sich nicht nur vor meinen Augen. Sie geschah auch in meinem Inneren.

Der Torus

Die erste tiefe Begegnung war die mit dem Torus.

Diese Form zeigte mir eine Bewegung, die mir dem Leben selbst sehr nahe schien.

Ein Fluss, der aus einem Zentrum entspringt, sich ausdehnt und wieder zum Ursprung zurückkehrt.

Wie ein Atemzug. Wie ein Zyklus. Wie eine fortwährende Spirale.

Beim Betrachten verstand ich, dass viele Dinge in der Natur auf diese Weise funktionieren.

Nichts bleibt vollkommen still. Alles ist in Bewegung. Alles empfängt und gibt. Alles wandelt sich.

Der Torus half mir zu verstehen, dass das Leben keine Linie ist, die nur nach vorne schreitet.

Es ist eine beständige Bewegung zwischen dem Zentrum und der Ausdehnung. Zwischen Empfangen und Teilen. Zwischen dem Eintreten nach innen und dem Wiederkehren nach außen.

Die Geometrie als innerer Spiegel

Mit der Zeit entdeckte ich, dass das Zeichnen Heiliger Geometrie nicht nur das Erlernen von Konstruktionen war. Es war eine Art, mich selbst zu betrachten.

Jede Figur offenbarte etwas anderes. Manche sprachen von Gleichgewicht. Andere von Ausdehnung. Andere von Verbindung.

Doch alle hatten etwas gemeinsam: Sie entsprangen einer Ordnung.

Und diese Erkenntnis wandelte meinen Blick auf die Welt.

Ich begann zu erkennen, dass die Geometrie, die wir in der Natur finden, auch in uns existiert.

Die Zyklen des Lebens. Unsere Prozesse. Unsere Wandlungen. Unsere Momente der Ausdehnung und der Rückkehr.

Alles hat einen Rhythmus. Alles trägt eine unsichtbare Struktur.

Heute verstehe ich, dass die Heilige Geometrie genau in dem Moment in mein Leben trat, als ich bereit war, viele Teile zusammenzufügen.

Sie kam nicht, um mir einen neuen Weg zu weisen. Sie kam, um mir zu zeigen, dass all die vorherigen Wege bereits ein und dieselbe Gestalt bildeten.

Denn manchmal müssen wir nichts Neues finden.

Manchmal müssen wir nur jene Sprache entdecken, die es uns erlaubt zu erkennen, was schon immer da war.

Ilka Schneider

Schwelle dieses Kreises

Die Geometrie wird zum Wort. Jede Form ist eine Stimme der Stille.

In die Saat des Lebens eintreten · Die Sprache der Formen